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EINE KURZE WINTERGESCHICHTE       (Robert Schoettert Dezember 2005 )

 

 

     Gut kann ich mich erinnern, wenn wir Freitagabends, oder Samstagmorgens in den Personenkraftwagen meines Vaters gestiegen sind und ich, speziell ich, wusste, dass es nicht zur Lieblingsoma meines Bruders ging, sondern nach Winseler nahe Wiltz, wo die volle und wahre, wilde und „schreckliche“ Natur wartete. „ Ët sin awer 65 Kilometer „ waren immer wieder die Worte meines Vaters und während den Wintermonaten hat man ihm auch oft abgesehen, dass er lieber in der Hauptstadt geblieben, wären die Strassen doch hier so schön frei und gut zu befahren gewesen.

 

   Eine gute Stunde später konnte ich im bereits Halbdunkeln die Ortstafel „ WINSELER „! sehen, etwa 100 Meter weiter wurde dann abgebremst und der Wagen fuhr den auch noch heute so genannten „ Knupp“ hinauf. Der Kopf meines um drei Jahre jüngeren Bruders Georges ruckte plötzlich nach oben und ich bemerkte, dass er einen ziemlich argen, verschlafenen Eindruck machte. Ganz zufrieden schien er nicht zu sein, waren wir doch nicht nach DIEKIRCH zu seiner Lieblingsoma gefahren. Aber was soll’s…. Im Sommer, wenn ich mit Mutter und Vater nach Spanien soll, dann darf er fast mehr als zwei Wochen nach DIEKIRCH!! Er wird sich nach WINSELER sehnen…. Nach dem Hühnerdreck im Stall, den Kuhfladen im Weg, so wie die Flüche der Bauersfrau von nebenan !

 

   „ Ooh Josy… si der endlech do „ seufzte meine Großmutter mit dem Kosenamen „Jeia“, welche während dem letzten Krieg bestimmt mehr Angst auszustehen hatte, als auf einen Wagen zu warten, welcher aus Luxemburg-Stadt kam. Aber das hatte so seinen Brauch und es waren immer wieder dieselben Worte, welche bei einer solchen Ankunft ausgesprochen wurden.

 

   Da es bereits dunkel und Großvater, „Bopa Jos“, stolzer Besitzer von etwa 50 und mehr Kaninchen war, sowie auch einige Hühner besaß, hatte er mit dem Füttern der Tiere auf uns gewartet und das war auch nicht zu überhören. Mein Bruder Georges mochte nicht mit zum Stall gehen und so folgte ich „Bopa Jos“ alleine, um diesem Haufen von Schlappohren ihr Heu, Karotten und trockenes Brot zu geben. Von den Hühnern hörte man nicht mehr sehr viel. Diese hatten sich bereits auf ihre Stangen zurückgezogen und träumten bereits von den Würmern in ihren langen Wintermänteln, welchen sie am morgigen Tag begegnen würden.

 

   Ja, und wir hatten Winter!! Das hatte ich noch nicht erwähnt…. Oder ???  Nur wo blieb der Schnee?? Nie war er so spät gewesen…., haben wir nun schon den 20. Dezember 1966. Eine kleine Spur von etwa 3 Zentimeter bedeckte die Wiese rechts und links des Weges; doch nicht mehr! „Bopa Jos“ schaute mich an und fiel in schallendes Gelächter: „ Mure Moïen mäi Jung, dann schëpps du Schnéi…. Gleef ëss!! „ Der alte Mann drehte sich um, sah nochmals grinsend zurück, gab mir den Schlüssel des Stalls und verschwand in Richtung Wohnhaus…. , jedoch immer auf mich zurückblickend. Als ich an der Tür des Hauses ankam, schaute ich einmal kurz hoch in den Himmel und konnte eine halbe, dicke, fette und leuchtende Mondscheibe ausmachen, welche die ganze Landschaft in ein verzauberndes, funkelndes Licht versetzte. Keine einzige Schneewolke war zu sehen…... doch hatte „ Dodo „, meine Urgrossmutter mir nicht immer gesagt, dass man bevorstehenden Schnee auch riechen könnte!? Ich versuchte es schnell einmal, jedoch außer sehr kalter Luft war hier nichts zu holen; obwohl es mir später, so glaubte ich es auf jeden Fall, ein paar Mal in meinem Leben glückte! Vielleicht hat Großvater recht und wir werden morgen rodeln gehen. Ja…. rodeln, wenn denn da dieses Schneeschippen nicht wäre!

 

   Kurz bevor ich mich dann umdrehen wollte, um ins Innere des Hauses zu treten, erfasste mich ein Hauch von eiskalter Luft, welcher aus Richtung Wiltz kam!! Hatte „Dodo“ nicht auch gesagt, dass wenn Schnee aus Richtung Wiltz kommen würde, dies für eine Unmenge dieses weißen, wunderbarem, wie durch Edelsteine durchsetztem Puder sorgen würde? Hat mich nicht doch jetzt gerade eine dicke Schneeflocke gekreuzt? Ich strenge meine Augen an und blicke hoch zum Mond. Leider kann ich nichts entdecken und schon höre ich, wie man hinter mir die Tür aufzieht und ich spüre wie man mich behutsam nach Innen zieht: „ Ech soot jo mäi Jung du schëpps meure Schnéi! „

 

   Nach etwa einer Stunde, einem kleinen Kartenspiel, hieß es dann ins gute warme Bett unter die damals sehr begehrten Leinendecken!! Mit einem Kopf gefüllt von den besten Ideen für den anderen Tag, der Ruhe die das Haus umgab und dem häuslichen Frieden, schliefen Georges und ich ein, ohne jedoch noch vorher ein kleines „Grollen“ : „ Ass et da baal rouech do uewen „ zu vernehmen !!

 

   Wenn mich im Winter in WINSELER etwas total aus der Fassung brachte, dann war es eine Straßenbürste, Besen, respektiv Schneeschippe, welche den blanken Felsen versuchte gänzlich freizubekommen. Dem Getöse von Draußen nach zu urteilen, schien die Schneeflocke, welche mich am Vorabend gekreuzt hatte, mehrere Milliarden andere im Schlepptau gehabt zu haben. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, als würden ständig einige Paar Augen auf mein Schlafzimmerfenster starren, mit der Hoffnung, dass ich mich doch da endlich zeigen würde. Im Rechnen schwach, kein Frühstück im Bauch, sollte ich nun eine Entscheidung treffen, welche mir entweder diesen Samstag versüßen oder ab Beginn auf den Kopf stellen würde. Was soll’s! Ich werde so oder so noch zwei Wochen in WINSELER bleiben. Also hoch, aus dem Bett……brr…….. KALT……… Wieder schnell unter die Leinendecke. So hatte ich mir das jedoch jetzt nicht vorgestellt. Nach einigen Versuchen, schaffte ich es dann dennoch ans geschlossene Fenster zu treten und musste feststellen, dass dieses von Innen eine dünne Eisschicht trug, welche sich wie eine große Blume ansah. Fröhliches ließ sich voraussagen und ich musste bemerken, dass mein Bruder Georges bereits vor mir das Bett verlassen hatte und tat dies mit dem Satz: „ Jô daat hätt mech jô nët gewonnert! „ Schnell riss ich den Fenstergriff nach unten und zog ihn an mich heran. Klirrende Kälte schoss mir entgegen und raubte mir für einige Momente die Atemluft. Mir kam es vor, als würde ich in eine andere Welt blicken. Auf dem Platz, unter dem Fenster, dort wo mein Vater am Abend seinen Wagen abgestellt hatte, konnte man lediglich eine übermäßig große Verformung erblicken, unter der; und so hoffte ich auch im geheimen; der Wagen noch immer stehen würdeJ!! (obwohl ich ja trotzdem noch 2 Wochen bleiben würde)

 

   Schnell schloss ich das Fenster und lief die Treppen hinab. Unterwegs blieb ich in den unglaublich gut riechenden, aromatischen  Abgasen von gekochter Milch und Schokolade fast hängen und kam nur bedingt an meine sonstige Geschwindigkeit heran, um diese steil nach unten führende Treppe zu bezwingen. „ Da maach dach lues mäi Jung, du hues dee ganzen Daag Zait!“ Du hast ja keine Ahnung „Jeia“; meine Rettung vor einem gelungenen Tag, ist die lautlose Umgehung von „Bopa Jos“ und Vater, sowie das sofortige Verschwinden mit dem Jungen des Nachbarn nach ganz oben in die Nähe der Tannenwälder. Da werden wir dann „ … lues maachen …. „ Andernfalls, beim nicht gelingen dieser so heiklen Mission, wird man uns stellen und uns gnadenlos den Besen oder die Schneeschippe in die Hand drücken. Und was dies dann während der Winterzeit heißt, das brauch ich doch wohl keinem zu erklären. Der Morgen ist futsch, die Kleider bereits nach einigen Minuten durchnässt und wir sitzen in der guten warmen Stube und schauen betrübt auf die weiß glitzernden Hügel vor uns, welche wir doch lieber mit unserem Schlitten bezwungen hätten und hinabgerodelt wären. Wie durch ein Wunder verschwanden „Bopa Jos“ und Vater in der Scheune und schnell lief ich zum Nachbarn, welcher auch schon wartete. Jhempi war sein Name, war zwei Jahre jünger als ich und strotzte von voller Lebenskraft. Gerne ließ ich mich von ihm zu tollkühnen Aktionen mitreißen…  nur dass das Resultat immer so aussah…, dass ich der war, welcher im Nachhinein das Nachsitzen zu hause hatte … und er immer grinsenden Gesichtes von dannen zogJ!!

 

   Nach einigen Stunden rodeln, machten wir uns dann auf den Nachhauseweg. Ausgelaugt, klitschnass, eiskalt, hungrig und durstig und wie sollte es anders sein todmüde kamen wir unten im Dorf an. Grinsend standen Opa und Vater vor der Tür und wie es für Vater üblich war, musste das traditionelle Foto geschossen werden, was wir dann auch brav über uns übergehen ließen. Schnell noch in die kleine Werkstatt „beim Metty„ um die Kufen der Schlitten einzuschmieren und dann der erste Versuch das Haus zu betreten. Hatten die beiden ersten gegrinst, so scheiterten wir jedoch diesmal energisch an zwei kreischenden Frauen, welche sich überaus erregt über unser allgemeines Aussehen aufregten. Ob das nun so dramatisch gewesen sein soll, kann ich heute im Jahre 2005 nicht mehr nachvollziehen, jedoch wenn meine Erinnerungen noch gut sind, so muss dies wohl so gewesen sein. Zwei Paar Hände begannen uns abzuklatschen und zu wischen; Jhempi wurde nach Hause geschickt und Georges, so wie ich ins Badezimmer, wo es dann mit trockener Kleidung weiterging. Nach etwa 20 Minuten hatten die Damen es dann geschafft uns wie kleine Teddys einzuwickeln, an den Tisch zu setzen und dann wurde das Abendbrot aufgetischt.

 

   Erinnerungen wurden sofort ausgetauscht…. , natürlich nur die, wo Jhempi oder Georges kopfüber im Schnee hockten……, oder ich…., na ja ….., da mit konnte man leben. Großmutter hatte für jeden von uns ein Schweinskotelett von den Rippchen in einem aus Guss bestehenden Topf vorbereitet und nachdem die Tunke mit Brot aufgesogen, die Limonade getrunken, ein Dominospiel vorbei war, hatten wir auch mit dem damaligen Tag abgeschlossen. Abgeschlossen? Nein … ich blieb ja noch 2 Wochen. Und der Tag selbst glich allen 12 anderen und dies ist auch die Ursache, dass ich alles so gut noch weiß und kenne ….  Leider hat sich die Welt in der Zwischenzeit etwas verändert! Wo bleibt der Schnee? Dominospiel am Abend? Ich weiß nicht so recht, ob es die Umwelt ist die sich verändert hat, oder wir die Umwelt mit ganz anderen Augen sehen als wie vor 40 Jahren. Eines ist auf jeden Fall gewiss: Den Geruch des Schnees kann ich dennoch heute riechen; genauso wie einen gut gefüllten Abendbrottisch bei meinen Eltern und dies wird mir immer in Erinnerung verbleiben.

 

 

                                                                                                                      (Robert  SCHOETTERT)

                                                                                                                                          Dezember 2005

 

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